"Na, wie heißt denn das Zauberwort mit den fünf Buchstaben? Genau: SOFORT!"
Zustimmendes Gelächter.
Im Anschluß würde es Riesling geben.
Zwei Städter mit mieser Kondition und kümmerlicher Ausrüstung schwer bepackt nachts in unbekannten Bergen unterwegs: Kann eigentlich nicht gut sein. Dauer des Erstaufstiegs: zwei Stunden. Die von der verschmitzt grinsenden Frau im Touri-Büro tags darauf als "Standard-Wanderung für Primarschüler" bezeichnete Strecke ist mit einem Anstieg von 280 Höhenmetern auf 1,5 km Länge für mein japsendes Ich echt keine "vierzigminütige leichte Wanderung". Reflektierende Kuhaugen können im Dunkeln verdammt beängstigend sein. Und das Röhren brünftiger Hirsche aus der Dunkelheit auch.
Aber die Tage. Die Tage mitten in den Alpen mit nichts drumrum außer Bergen, Sonne und Steinböcken. Geräuschkulisse: Kuhglocken und Bergbach. Brot holen im Tal: gut 2 Stunden. Der größte Gletscher der Alpen gleich hinter dem nächsten Berg. Später, Furka-Paß: Die Herr-der-Ringe-Trilogie hätte man auch in der Schweiz drehen können. Und Serpentinen, bis dem Beifahrer kotzübel ist.

Ich sitze an einem Baum gelehnt, während ich diese Zeilen schreibe, ein paar Grashalme schieben sich vor meinen Monitor. Danke an die Stadtwerke für Luzern.WLAN, an Asus für die Akku-Laufzeit und hey, die Schweiz macht wirklich Spaß, so alles in allem, auch wenn ich immer noch nicht ganz gelernt habe, wie man sein normales Sieben-Tage-Leben auf drei Tage komprimiert.
Heute eine von Googles Street-View-Karren auf der Rothenburger Straße gesehen.
Ja, nee, is klar. Keine zwei Wochen nach Ablauf der Werksgarantie des Autos schießt sich irgendwas an der Elektronik. Ist schon wirklich ein seltsamer Zufall. Echt jetzt.
Es gab eine Zeit, da konnte ich nicht im Konsumtempel gegenüber einkaufen gehen. Zwei Monate lang. Ich fühlte mich gestalkt - vom 1&1-Mann.
Eigentlich kenne ich den 1&1-Mann gar nicht. Nur der zweite Promoter sah damals vertraut aus: Ich hatte Jahre vorher einige Wochen mit ihm in der Fabrik gestanden, wir wechselten ein paar belanglose Sätze. Er war übrigens nur diesen einen Tag am Stand im Konsumtempel, aber der 1&1-Mann kannte mich ab da. Irgendwie. Er blieb monatelang und freute sich immer wahnsinnig, mich zu sehen. Und wollte sich unterhalten und fragte, wie es mir geht. Duzte mich, ohne je meinen Namen zu erfahren. Strahlte mich immer an, wenn er mich entdeckte, und rannte in meine Richtung. Stand er gerade mit einem potentiellen Kunden zusammen, lachte er mich aus der Distanz an und winkte. Sein Blick folgte mir stets noch ein paar Meter. Nie hat er versucht, mir einen Vertrag anzudrehen oder sonst irgendetwas von mir gewollt. Ich fand ihn unheimlich.
Irgendwann ließen mich meine Einkaufenden wissen, daß er weg war. Es ist mittlerweile schon ein paar Monate her, daß die Alpträume aufgehört haben. Als ich Mittwoch beim Verlassen des Konsumtempels ein "Hallo!" hörte, hätte ich mich nicht umdrehen sollen. An einem der Bäckerei-Tischchen saß winkend der 1&1-Mann und lachte mich an.
Die letzten zwei Nächte habe ich nicht gut geschlafen.
"Der
Atlantische Hering ist in der Lage, Geräusche zu produzieren und auch selbst wahrzunehmen. Die Geräusche werden vorwiegend nachts und wahrscheinlich durch kraftvolles Ausstoßen von Gas aus der Afteröffnung erzeugt. Der Grund dieses Verhaltens ist noch unklar, da sich aber die Geräuschproduktion mit der Größe des Schwarms steigert, wird über ein mögliches Sozialverhalten spekuliert."
Nein, eine Ziggi hätten sie nicht, sagt der Thekenmann, doch, wirft seine Kollegin ein, greift hinter sich und drückt mir eine EC-Karte in die Hand, Sparkasse, die sei irgendwann mal liegengeblieben. Ich bin in einem Raucherclub, hatte mein Gastgeber mir beim Eintreten erklären müssen, denn einen Mitgliedsausweis scheint dort niemand zu haben, keine alibihaften Schilder über geschlossene Gesellschaften an den Fenstern, und es ist wie früher, als die Klamotten hernach noch nach Rauch stanken und nicht wie jetzt nach Essen - was ich persönlich nicht als Verbesserung empfinde. Augsburg ist freundlich zu mir an diesem Abend.
Und betrügt mich am nächsten Tag um die Erinnerungen, die ich zu finden gehofft hatte, denn was einst Übergangswohnheim war, ist nun ausstaffiert und zu schmucken Eigentumswohnungen geworden, und mein ehemaliger Kindergarten hat nichts mehr für mich, nicht Frau Fischer, nicht den blauen Keramikfisch an der Wand, nicht mehr Teppich ("Das haben wir vor 15 Jahren, als ich das hier übernahm, neugemacht, das war ja schon damals nicht mehr zeitgemäß, nicht wahr?" Nein, Fresse halten, nicht wahr, es war MEINE Zeit, verflucht nochmal), nicht die Metalltische im Garten, kein Klettergerüst und nichts, gar nichts, kein Aufblitzen, kein Erinnern, keine Ecke, an der ein Gedanke hängenbleiben könnte, um ins Bewußte gezogen zu werden, Augsburg, tot für mich und Schnee und fremd.